Physiognomie & Verhalten
Körper und Seele eines Werwolfs stehen im ständigen Einklang mit den Phasen des Mondes. Dieser Einfluss ist unvermeidlich und lässt sich durch nichts verhindern. Etwa eine Woche vor Vollmond setzen bereits die ersten Veränderungen ein, steigern sich mit jeder Nacht und erreichen ihren Höhepunkt, sobald der volle Mond am Himmel steht. Erst mit dem Morgengrauen klingt die Wandlung wieder ab.
Ganz gleich, ob sie menschliche Gestalt tragen oder sich im Prozess der Verwandlung befinden – Werwölfe sind stets von einem eigenen Geruch umgeben, der an feuchtes Fell erinnert. Andere übernatürliche Wesen mit geschärftem Geruchssinn können ihn mühelos wahrnehmen. Parfüm mag den Duft überdecken oder abschwächen, doch vollständig lässt er sich niemals verbergen.
Mensch
In menschlicher Gestalt zeigt ein infizierter Werwolf keinerlei auffällige körperliche Merkmale und altert ganz normal wie jeder andere Mensch. Veränderungen zeigen sich vor allem im Verhalten, so wie es unter "Alltag" beschrieben wird. Nässe empfinden Werwölfe als ausgesprochen unangenehm, weshalb viele von ihnen ihre Körperpflege auf das Nötigste beschränken.
Phase 1 (7 Tage bis Vollmond)
Sobald der zunehmende Mond seine Halbform erreicht, setzt die eigentliche Verwandlung ein. In diesem Stadium verfügt der Werwolf bereits über rund fünfzig Prozent mehr Kraft als in seiner menschlichen Gestalt. Mit der zunehmenden Muskelmasse steigt auch sein Körpergewicht um etwa zehn bis fünfzehn Prozent. Gleichzeitig leidet er unter einem dauerhaften Gefühl von Muskelkater, als hätte er seinen Körper bis an die Grenzen getrieben. Diese Schmerzen lassen sich jedoch relativ leicht mit Aspirin oder Alkohol dämpfen. Äußerlich sind die Veränderungen noch gering, doch die Körpertemperatur steigt um ein bis zwei Grad an.
Bei einigen Werwölfen zeigen sich in dieser Phase bereits erste tierische Verhaltensweisen. Sie knurren, fixieren andere mit starren Blicken – ein deutliches Zeichen von Dominanz – oder fletschen unwillkürlich die Zähne.
Phase 2 (4 Tage bis Vollmond)
In den Tagen kurz vor dem Vollmond wird der Werwolf von wachsender Unruhe und steigender Reizbarkeit geplagt. Ein starker Drang zieht ihn hinaus in die Natur, am liebsten in unberührte Wildnis. Ob er diesem Impuls folgt, bleibt ihm selbst überlassen. Währenddessen schreitet auch die körperliche Wandlung weiter voran. Die Muskelmasse wächst rasant, das Gewicht erhöht sich um weitere zwanzig bis dreißig Prozent und seine Kraft erreicht das Dreifache seiner normalen Stärke. Die Schmerzen werden nun deutlich heftiger: massive Verspannungen, dröhnende Kopfschmerzen und quälender Zahnschmerz begleiten diese Phase. Stärkere Schmerzmittel, große Mengen Alkohol oder andere Rauschmittel können die Qualen zumindest dämpfen. Auf Provokationen reagieren die meisten Werwölfe in diesem Zustand äußerst aggressiv.
Auch äußerlich zeigen sich nun erste klare Veränderungen. Viele nehmen eine leicht nach vorn geneigte Haltung ein, die sowohl die Schmerzen lindert als auch den Zuwachs an Körpergröße weniger auffällig erscheinen lässt. Die Gesichtszüge verschieben sich, werden härter und kantiger. Die Körpertemperatur liegt in dieser Phase zwei bis drei Grad über dem Normalwert, und selbst im Ruhezustand fällt der Puls kaum je unter hundert Schläge pro Minute.
Phase 3, Werwolf (Vollmond)
Mit dem Aufgang des Vollmondes erreicht die Wandlung ihren Höhepunkt: Der Werwolf nimmt die Gestalt eines Wesens an, das Mensch und Tier zugleich ist. Seine Muskelmasse wächst explosionsartig, in dieser Form ist er etwa fünfmal so stark wie in seiner menschlichen Hülle. Richtet er sich auf die Hinterläufe auf, überragt er seine frühere Größe um rund sechzig bis siebzig Prozent, und sein Gewicht verdreifacht sich. Die Haut verdunkelt sich und wird vollständig von dichtem, struppigem Fell überzogen. Das Gesicht trägt nun eindeutig tierische Züge – gelbe Augen, eine lange Schnauze voller Reißzähne und spitze Ohren. Sein Geruchssinn übertrifft den eines Spürhundes, aus Händen werden mächtige Pranken mit langen, scharfen Klauen, und aus dem verkümmerten Steißbein wächst eine Rute. Er kann sowohl auf zwei als auch auf vier Beinen laufen, doch auf allen vieren ist er deutlich schneller. Die Kleidung, die er bei dieser äußerst schmerzhaften Verwandlung trägt, zerreißt oder platzt vom Körper und wird unbrauchbar.
Auch der Geist des Werwolfs wandelt sich. Der Mensch tritt fast vollständig zurück und überlässt dem Tier die Herrschaft. Übrig bleiben nur noch zwei Triebe: die Lust an der Jagd und der Hunger nach Beute. In der Vollmondnacht versucht jeder Werwolf, einen Menschen zu töten und dessen Herz zu fressen. In Rudeln ist es nicht ungewöhnlich, dass rangniedere Tiere auch andere Organe verzehren, doch der Alpha beansprucht stets die erste Wahl – und das Herz gilt als begehrteste Trophäe.
Ein verwandelter Werwolf ordnet die Welt nur noch in drei Gruppen ein: Beute, Feind, Werwolf. Zur Beute zählt alles, was er überwältigen kann – ohne Rücksicht auf frühere Bindungen. Das Tier kennt weder Freundschaft noch Liebe, weder Partner noch Kinder. Als Feinde gelten fremde Werwölfe im eigenen Revier sowie andere übernatürliche Wesen. Ihnen begegnet er mit offener Feindseligkeit und versucht, sie zu töten oder wenigstens zu vertreiben. Sein Verhalten gegenüber Artgenossen richtet sich allein nach ihrem Platz in der Rangordnung.
