In letzter Zeit werden jedoch auch Stimmen lauter, die ein Heilmittel suchen und den Werwölfen helfen wollen, bis dahin ein Leben in wenigstens einiger Würde zu führen. Manche von ihnen klammern sich an diese Hoffnung. Andere hingegen haben sich längst ihrer tierischen Natur verschrieben und wünschen sich nichts weiter, als unbehelligt ihren eigenen Weg gehen zu dürfen.
Außerhalb ihrer Verwandlungsphasen sind Werwölfe in der Lage, ein weitgehend normales Leben zu führen. Sie gehen alltäglichen Beschäftigungen nach, pflegen soziale Kontakte und wirken nach außen oft unauffällig. Doch dieses Dasein gleicht einer unheilbaren Krankheit, die sich schleichend durch Körper und Geist frisst. Nur wenige Werwölfe überleben länger als etwa fünfundvierzig Jahre nach ihrer Infizierung. Zu groß ist die dauerhafte Belastung, zu zerstörerisch die langfristigen Folgen.
Für junge Werwölfe stellen die Vollmondnächte eine große Gefahr dar. Folgen sie ihrem Instinkt nicht und ziehen sich rechtzeitig in die Wildnis zurück, endet ihre erste Verwandlung in den meisten Fällen tragisch (siehe Physiognomie).
Bereits kurz nach der Infektion beginnt sich das Verhalten der menschlichen Seite zu verändern. Negative Charakterzüge treten deutlicher hervor, werden schärfer und dominanter, während positive Eigenschaften zunehmend in den Hintergrund gedrängt werden. Gleichzeitig wandeln sich auch die Essgewohnheiten. Selbst überzeugte Vegetarier oder Veganer entwickeln früher oder später ein starkes Bedürfnis nach Fleisch, dem sie sich letztlich nicht mehr entziehen können. Gehört ein Werwolf einem Rudel an, wird er unweigerlich versuchen, innerhalb der bestehenden Hierarchie aufzusteigen. Dieser innere Drang ist tief verwurzelt und lässt sich nur schwer unterdrücken. Mit zunehmendem Alter verstärken sich zudem Wut und Aggressivität. Ein Prozess, der bei allen Werwölfen zu beobachten ist und sich in mehrere Stufen einteilen lässt:
Stufe 1 (< 10 Jahre Werwolf)
In den ersten zehn Jahren nach der Infizierung ist die Aggressionssteigerung noch vergleichsweise gering. Sie äußert sich meist in schneller Reizbarkeit, lässt sich jedoch durch Selbstkontrolle und ein stabiles Umfeld gut ausgleichen.
Stufe 2 (10 - 25 Jahre Werwolf)
Zwischen zehn und fünfundzwanzig Jahren nimmt diese Steigerung deutlich zu und liegt – je nach Charakter – bei etwa zwanzig bis dreißig Prozent. In dieser Phase kann ein Ausgleich durch den Beitritt in ein Rudel, regelmäßige körperliche Auslastung und eine ausgeprägte Willenskraft noch gelingen.
Stufe 3 (25 - 40 Jahre Werwolf)
Ab etwa fünfundzwanzig Jahren erreicht die Aggressivität ein neues Ausmaß. Unabhängig vom ursprünglichen Charakter steigt sie auf rund fünfzig bis sechzig Prozent an. Am leichtesten gelingt dieser Ausgleich durch den Beitritt in ein Rudel, dessen Struktur dem Werwolf Halt und Ventil bietet. Wer diesen Weg jedoch nicht gehen kann oder will, ist gezwungen, täglich mehrere Stunden intensiver körperlicher Betätigung auf sich zu nehmen, um einen vergleichbaren Effekt zu erzielen.
Stufe 4 (> 40 Jahre Werwolf)
Jenseits der vierzig Jahre schließlich erreicht die Aggressionssteigerung ihr Maximum (100 %), ein Ausgleich ist nicht mehr möglich. Werwölfe, die dieses Stadium erreichen, verlieren endgültig die Kontrolle über ihre menschliche Seite und damit meist auch über ihr weiteres Schicksal.
Viele ältere Werwölfe haben sich im Laufe ihres Daseins mit ihren dunklen Leidenschaften arrangiert. Anstatt die Erinnerungen an ihre Jagden zu verdrängen, zelebrieren sie diese regelrecht. Entsprechend sorgfältig bereiten sie ihre Vollmondnächte vor. In abgelegenen Gebieten errichten sie primitive Fallen, sichern sich Rückzugsorte und fangen in den Tagen vor dem Vollmond lebende Beute, die sie in der entscheidenden Nacht mit bewusst gewährtem Vorsprung in der Wildnis aussetzen. Einige dieser Jäger treiben das Spiel noch weiter und geben ihrer menschlichen Beute sogar Hinweise auf Verstecke, Waffen oder andere Hilfsmittel, um die folgende Jagd möglichst reizvoll zu gestalten. Von den wenigen, die solchen Nächten entkommen, stammen vermutlich die eindringlichen Berichte über Yetis, Bigfoots und andere haarige Ungeheuer, die bis heute in den Legenden der Menschen fortleben.
Rudel
Zwar gibt es unter den Werwölfen auch Einzelgänger, doch die meisten von ihnen sehnen sich nach der festen Struktur und Ordnung eines Rudels. Ein Rudel ersetzt Familie, Halt und Zugehörigkeit zugleich, auch wenn diese Gemeinschaft alles andere als friedlich ist. Unabhängig davon, wie eng die Bindungen innerhalb eines Rudels sein mögen, wird jeder Werwolf früher oder später versuchen, innerhalb der bestehenden Hierarchie aufzusteigen. Dieser Drang ist tief verwurzelt und kaum zu unterdrücken. Gleichzeitig erfüllt das Rudel eine wichtige Funktion: Es hilft dabei, die stetig wachsende Wut und Aggressivität seiner Mitglieder abzufangen. Aus diesem Grund suchen viele rudellose Werwölfe mit zunehmendem Alter gezielt Anschluss an eine Gruppe, selbst wenn das bedeutet, sich zunächst ganz unten in der Hackordnung einordnen zu müssen. Der Verlust von Status wiegt für sie weniger schwer als die Gefahr, der eigenen unkontrollierten Natur allein ausgeliefert zu sein.
Begegnen sich Werwölfe zum ersten Mal, wird die Rangfolge fast immer sofort geklärt. Manchmal geschieht dies noch auf gesellschaftlich akzeptable Weise, doch nicht selten endet es in handfesten Auseinandersetzungen. Ist die Hierarchie einmal festgelegt, wird sie in der Regel akzeptiert – zumindest so lange, bis sich erneut eine Gelegenheit zur Verschiebung bietet.
Unabhängig davon, ob sie allein leben oder Teil eines Rudels sind, bewachen Werwölfe ihr Revier mit äußerster Eifersucht. Was mit der eigenen Wohnung beginnt, weitet sich mit jedem Vollmond weiter aus - erst auf einige Häuser in der Nachbarschaft, dann auf ganze Wohnblöcke und schließlich auf komplette Stadtviertel. Werwölfe, die nicht zum eigenen Rudel gehören und es dennoch wagen, in diesem Gebiet Markierungen zu setzen, werden gezielt aufgespürt und herausgefordert. Solche Revierkämpfe enden selten ohne Kollateralschäden und tragen maßgeblich dazu bei, dass Werwölfe von vielen als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen werden.
