Vergangenheit - Kindheit & Jugend
Kindheit - 1969-1981
Constantin Reynolds, der später darauf bestehen wird, Coal genannt zu werden, ist der Sohn einer Gestaltwandlerin und eines Menschen. Seine Chancen waren also hoch, das Gen des Gestaltwandlers in sich zu tragen. Doch davon sollte Coal bis kurz vor seiner eigenen Wandlung überhaupt nichts wissen. Seine Mutter Ruth hatte ihren Sohn auf das, was eventuell mit ihm eventuell geschehen würde, nie vorbereitet und so wuchs er in dem Glauben auf, dass er einfach nur ein ganz normaler Junge war.
Seine Eltern waren Geringverdiener und hatten es schwer, über die Runden zu kommen. Es kam häufig vor, dass Coal am Ende des Monats hungrig ins Bett ging. Seinem strengen Vater Anthony rutschte öfter mal die Hand aus, während seine Mutter dabei wegsah und so tat, als wäre nichts passiert. Er verstand es damals nicht, aber durch Ruths starke Depressionen war sie nicht immer in der Lage, ihrem Sohn die Zuneigung und Liebe zu zeigen, die er brauchte. Dafür fand er diese seelische Wärme bei seiner Großmutter Abigail, zu der er öfter geschickt wurde, damit seine Eltern Ruhe vor ihm hatten. Von Abigail lernte er vieles, das ihm seine Eltern nie gezeigt hätten. Zum Beispiel wie man kochte. Oder wie man Girlanden aus Herbstlaub bastelte. Oder wie man Dame spielte. Die schönsten Erinnerungen an seine Kindheit hatten immer mit seiner Oma Abigail zu tun.
In der Schule war Coal ein durchschnittliches Kind, meist unauffällig und oft still. Schon damals hatte er die Eigenschaft nicht viel zu reden. Oft schaute er verträumt aus dem Fenster oder kritzelte auf seinen Aufgabenzetteln herum. Er war kein besonders pfiffiges Kind, strengte sich in seinen Lieblingsfächern Mathematik, Geografie und Biologie aber an, sodass der Notendurchschnitt seiner Zeugnisse am Ende immer im Mittelfeld lag.
Erste Wandlung - 30.07.1983
Seine erste Verwandlung geschah in einer heißen Sommernacht, in der sich heftige Gewitter in der Region entluden und in der Coal nicht schlafen konnte, weil er mit einem beengenden Gefühl in der Brust und aufgerissenen Augen im Bett lag und versuchte, nicht seinen Verstand zu verlieren. Er hatte damals seine erste Panikattacke und möglicherweise war diese auch der Auslöser für seine Verwandlung gewesen. Sein Instinkt riss ihn aus den durchgeschwitzten Laken und löste einen starken Fluchttrieb aus. Noch bevor er darüber nachdenken konnte, was passierte, war Coal in seiner Tiergestalt durch das geöffnete Fenster geflüchtet und in die Nacht hinausgerannt. Fragt man ihn heute nach seiner ersten Verwandlung, wird er sagen, dass er sich nicht so genau daran erinnern kann. Ihm blieb nur das Gefühl der Angst und gleichzeitig das Gefühl, so frei zu sein wie nie zuvor.
Am nächsten Morgen war er nackt in der Nähe der Wohnung aufgewacht. Coal hatte sich an einem geschützten Ort in seiner Katzengestalt niedergelegt und war eingeschlafen. Heimlich hatte er sich zurück in sein Zimmer geschlichen und versucht, die letzten Stunden irgendwie zu verarbeiten. Mit einem Mal stand seine Welt auf dem Kopf und er fühlte sich, als ob man ihn sein ganzes Leben lang belogen und verraten hätte. Er sprach mehrere Tage nicht mehr mit seinen Eltern, viel zu beschämt, verwirrt und enttäuscht über alles. Coal war sauer auf seine Mutter, die ihn nie darauf vorbereitet hatte und ihm auch jetzt nicht helfen konnte, weil sie nicht wusste, wie. Ruth hatte ihm vor seiner eigenen Wandlung nie etwas davon erzählt was sie ist. Das Verhältnis zu ihrem Tier war durch ihre psychische Erkrankung gestört und sie empfand ihre eigene Existenz als Belastung und als etwas, das nicht in die Welt der Menschen gehörte. Coal war also gezwungen, allein auf die Suche nach seiner eigenen Existenz zu gehen. Anthony hingegen missbilligte das Verhalten seines Sohnes und versuchte ihn mit Wut zur Vernunft zu bringen. Die Familiensituation war kurz davor zu eskalieren - bis Ruth den Mut aufbrachte, ihrem Mann endlich zu gestehen, warum Coal so war wie er eben war. Sie erzählte ihm alles, und weil er ihr nicht glaubte und sie für ihre Worte rügen wollte, verwandelte sie sich. Coal sah die Tiergestalt seiner Mutter an diesem Tag das erste Mal. Sie war wie er eine Katze, wenn auch nicht dieselbe Art.
Danach wurde es still um Anthony. Auch er musste verarbeiten, was er gesehen hatte. Coal suchte die Nähe und den Rat bei seiner Mutter, die sich jedoch wieder vor diesem Thema verschloss. Es sollte das letzte Mal gewesen sein, dass er Ruth als Katze sah.
Rauswurf aus dem Elternhaus - 1984
Leben bei seiner Großmutter - 1984-1988
Schulabschluss (High School Diploma) - 1986
Sein Vater war mit der Tatsache, dass es mehr als nur Menschen gab, so sehr überfordert, dass er sich von seiner Familie zurückzog. Für ihn waren Gestaltwandler widernatürlich und er wollte nichts darüber hören. In einem Streitgespräch mit Ruth hatte Coal einmal gehört, wie er wütend brüllte, dass er sie nicht ein einziges Mal als gottverdammte Viecher in der Wohnung sehen möchte und kein Wort über ihre Natur verloren werden durfte, sonst würde er sie wie räudige Tiere abknallen. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis etwas Furchtbares geschah. Coal wartete nur darauf - angespannt, ängstlich aber auch entschlossen, sich endlich zu verteidigen. Er war kein Mensch wie sein Vater. Er war ein Gestaltwandler und auch wenn er nicht wusste, was genau das eigentlich bedeutete, wusste Coal, dass er stärker war als sein Vater jemals sein würde.
Coal, für den alles ganz neu war, wollte sich mit seiner Mutter austauschen, fand bei ihr jedoch kein Gehör.
»Du darfst dich nicht verwandeln«, hatte sie ihm nicht nur einmal gesagt. Es wäre besser so. Die Menschen würden es nicht verstehen und ihn dann umbringen. Doch was sollte er tun? Sein Tier ignorieren, so wie Ruth es für sich tat? Einfach so tun, als sei er ein ganz normaler Mensch? Das hatte sich für ihn nicht richtig angefühlt. Er versuchte also allein zurechtzukommen. Sich bewusst zu verwandeln war schwerer als gedacht. Seine Gefühle in den Griff zu kriegen, war nahezu unmöglich. Das Verhältnis zu Anthony wurde immer angespannter und gefährlicher. Eines Tages wollte er Coal wieder einmal verprügeln, doch das Tier in ihm wehrte sich. Er verwandelte sich nur halb, bleckte die Zähne und holte mit scharfen Krallen aus, die seinen Vater im Gesicht trafen und tiefe Kratzer hinterließen. Es war keine Absicht gewesen, sondern nur eine Art Überlebensinstinkt. Die Katze hatte die Gefahr erkannt, sich in die Ecke getrieben gefühlt und sich verteidigt.
Am selben Abend stand sein Vater plötzlich mit einem geladenen Gewehr vor ihm, wild entschlossen, seinen Sohn wie ein Stück Wild abzuknallen.
Der Finger ruhte am Abzug.
»Raus hier oder ich bring dich um!«, waren die Worte, die Coal zu hören bekam. Raus hier oder er würde sterben. In den kalten, hasserfüllten Augen seines Vaters konnte er erkennen, dass dieser keine Scherze machte. Coal sah zu seiner Mutter, die verängstigt im Hintergrund stand, und er war enttäuscht. Sie hätten sich zusammenschließen und Anthony verjagen können. Sie hätten eine Familie sein können. Stattdessen war dieser Abend der letzte, an dem er überhaupt eine Familie hatte. Seinen Vater würde er nicht mehr wiedersehen und mit seiner Mutter brechen - zumindest vorerst. Coal zog zu Abigail und fand Zeit, sich von den letzten furchtbaren Wochen zu erholen.
Ein knappes Jahr später schaffte seine Mutter es, sich von Anthony zu trennen. Dennoch zog Coal nicht mehr zu ihr zurück.
Die Jahre bei Abigail waren friedlich. Da ihm aber keine anderen Gestaltwandler bekannt waren, lernte er nur wenig über sich selbst. Er wusste nicht, wie er mit sich umgehen sollte. Es brauchte mehrere Monate, bis Coal sich zu Abigail, die gerade Zeitung las, ins Wohnzimmer setzte und einfach sagte: »Ich bin ein Gestaltwandler.«
Er erinnert sich bis heute genau daran, dass sie ganz langsam die Zeitung hinlegte und ihn ansah. Nicht so, als ob er den Verstand verloren hatte, sondern so, als ob sie von etwas überwältigt war. Sie lächelte. Und dann nickte sie. Ihre Augen waren glasig geworden.
»Als Kind hatte ich einen Freund, der sich in einen Fuchs verwandeln konnte. Ich dachte die ganze Zeit, dass es nur ein Traum war. Dass es nur die Vorstellungskraft eines fantasievollen Kindes gewesen war.«
Sie glaubte ihm einfach so, ohne dass sie von ihm verlangte, es zu beweisen. Und noch besser war, dass sie selbst jemanden gekannt hatte, der ein Gestaltwandler gewesen war. Zum ersten Mal konnte Coal mit jemandem darüber reden. Und zum ersten Mal fühlte er sich nicht wie ein Fremdkörper, der entfernt werden musste.
»Welches ist dein Tier?«
»Irgendeine Katze. Ich weiß nicht welche.«
Das hatte er noch nicht herausgefunden. Ihm gingen die ganze Zeit nur die gängigsten Arten durch den Kopf: Ozelot und Jaguar. Gepard und Leopard. Aber all diese Katzen passten nicht zu seinem Erscheinungsbild. Erst kurze Zeit später fand er in einem Tierbuch, das ihm Abigail gekauft hatte, heraus, dass er eine Fischkatze war.
»Deswegen wurde ich rausgeworfen. Sie verstehen es einfach nicht.«
Aber Abigail verstand. Sie hatte die unglaubliche Begabung, sich in andere hineinversetzen zu können und jeden so zu akzeptieren, wie er eben war. Selbst wenn derjenige kein Mensch war.
Coal ging weiterhin zur Schule und machte im Jahr 1986 seinen High School-Abschluss mit guten Noten. Er entschied sich wegen seiner finanziellen Situation gegen ein Studium, arbeitete ein Jahr lang in einem Diner, um sich etwas dazuzuverdienen und suchte sich in der Zeit eine Ausbildung.
Wie Coal zu seinem Namen kam
Abigail ließ ihm Zeit damit, bis er bereit war, sich in seiner Katzengestalt zu zeigen. Als es so weit war, war er sehr aufgeregt. Es war nämlich das erste Mal, dass er sich überhaupt jemandem offenbarte. Er stand einfach vor seiner Oma und sah sie an, während sie ihn bewunderte, als wäre er das Schönste, das sie jemals gesehen hatte. Ihre Liebe zu ihm verschwand nicht. Sie wurde nicht wütend und bedrohte ihn nicht mit einem Gewehr. Sie war einfach nur überwältigt und dankbar darüber, dass er ihr so sehr vertraute.
Abigail bedrängte ihn nicht und ließ ihm den Freiraum, den er brauchte. Trotzdem erlaubte er ihr, ihn zu berühren - etwas, das er später fast niemandem erlauben würde.
Seine Großmutter hatte wunderbare Ideen, damit Coal besser mit seinem Tier zurechtkam. Eine dieser Ideen war, sich selbst in einem Spiegel zu betrachten. Also stellte sie einen großen Spiegel auf den Boden und schlug ihrem Enkel vor, sich als Katze darin anzuschauen. So würde er sich selbst sehen und sich mit seiner Erscheinung vertraut machen.
Es war das erste Mal, dass er sich als Tier sah. Eine Katze. Auf den ersten Blick wie ein stattlicher Hauskater mit all den Flecken im Fell und der unscheinbaren gräulichen Fellfarbe. Er hatte eine hübsche Gesichtsmarkierung und einen aberwitzig kurzen Schwanz, bei dem er sich ernsthaft fragte, ob das so normal war. Er wusste nichts von Fischkatzen und dass diese perfekt an das Leben am Wasser angepasst waren. Sie jagten darin, sie schwammen darin. Sie waren darauf angewiesen. Vielleicht fand er aus diesem Grund Frieden, wenn er an Gewässern saß.
»Du bist die seltsamste Katze, die ich je gesehen habe.«
Er bleckte die spitzen Eckzähne und streckte seine raue Zunge raus. Er fand sich befremdlich und seltsam. Der Gedanke, dass er sich selbst betrachtete, aber keine menschlichen Gesichtszüge vorfand, war irgendwie abstrus. Er war ein Tier. Ein Tier!
»Ich gebe dir einen Namen. Vielleicht werden wir dann Freunde.«
War das Tier eigentlich eine Art zweite Persönlichkeit oder war es ein Teil seines Selbst? Er konnte sich diese Frage nicht beantworten. Dem Kater einen Namen zu geben, war zumindest ein Versuch, das Wesen als etwas Lebendiges zu betrachten. Als Persönlichkeit und als Freund, wenn er sich schon nicht damit identifizieren konnte.
»Wie wäre es mit Ash? Oder, nein… Coal! Ich finde, das hört sich gut an. Du hast Flecken wie schwarze Kohle.«
Tatsächlich sah das Fell aus wie Asche mit schwarzen Kohletupfen. Ihm gefiel das.
Er drehte sich einmal um sich selbst und starrte dann wieder in den Spiegel. Der Kater starrte zurück. Erwartungsvoll, hoffnungsvoll. Coal hatte keine Ahnung von den Bedürfnissen des Tieres. Musste es jagen? Musste es draußen sein? Wie konnte er dem wilden Verlangen gerecht werden? Das waren alles Dinge, die er erst herausfinden musste. Es dauerte Jahre, bis er die Bedürfnisse des Tieres ganz genau deuten konnte.
Vergangenheit - Erwachsenenalter
Eigene Wohnung in Eastridge, Wichita - ab 1. September 1988
Werdegang zum Einzelhandelskaufmann - 1988 - 1991
Obwohl Coal keinen großen Ansporn hatte, eine Karriere zu machen und sich irgendwo hochzuarbeiten, war es ihm wichtig, irgendetwas zu tun. Er hatte die Wahl zwischen Koch und Einzelhandelskaufmann. Da ihm ersteres zu anspruchsvoll war, entschied er sich für den Einzelhandelskaufmann. In seinem Betrieb - einem Walmart in derselben Stadt - lernte er alles, was er als Einzelhandelskaufmann wissen musste. In einem Kurs wurde ihm zusätzlich die Buchhaltung nähergebracht.
Damals hatte Coal noch nicht den Entschluss gefasst, ein eigenes Geschäft zu eröffnen.
Er fand eine kleine Wohnung in Eastridge, im Osten der Stadt und zog dorthin. Von nun an lebte er selbständig. Sein Leben nahm eine gewisse Form der Normalität an. Er lernte Menschen kennen und begegnete hier und da Wesen, die es eben nicht waren. So gab es einen Werwolf, der regelmäßig in seinem Betrieb erschien und manchmal kreuzten ihn Magiebegabte, die er nie direkt mitbekam. Er war nicht allein und genau dieser Gedanke beruhigte ihn. Andere Gestaltwandler jedoch schienen in seiner Gegend nicht zu wohnen - oder aber er hatte einfach nur das große Pech, ihnen nicht zu begegnen.
1989 hatte er seine erste richtige Beziehung. Sie war eine normale, menschliche junge Frau. Die Beziehung hielt jedoch nicht lange. Coal fand es schwierig, geheim zu halten, dass er ein Gestaltwandler war und hatte Angst davor, dass er wieder die Kontrolle verlor. Er trennte sich nach wenigen Monaten von ihr, um sie zu schützen. Er fragte sich, ob das überhaupt ginge: Ein Mensch und ein Gestaltwandler. Doch wenn er an seine Eltern dachte, beantwortete sich die Frage von selbst. Er ging dazu über, einmalige Treffen zu bevorzugen und langfristige Beziehungen zu vermeiden. Hierbei merkte er aber auch, dass er einen vielseitigen Geschmack hatte, was seine Bettgeschichten betraf und ihm das Geschlecht einerlei war, selbst wenn sich aus einer vermeintlichen Frau plötzlich ein Mann entpuppte. Ihn zogen Klugheit und Schönheit an und da er nur auf der Suche nach kurzen Abenteuern war, durfte er dahingehend auch wählerisch und oberflächlich sein.
Andover Tornado - 26. April 1990
Es war für Kansas nicht ungewöhnlich, dass sich in den Frühlings- und Frühsommermonaten heftige Gewitter entwickelten. Wichita liegt inmitten der Tornado Alley, einem Landstreifen zwischen den Rocky Mountains und den Appalachen, in dem sich zu dieser Zeit viele Superzellen entwickeln, die durchaus Tornados produzieren können. Coal ist damit aufgewachsen und kannte die Gefahr, die Sirenen und die Warnungen, die er mehrere Male im Jahr erhielt. Am Abend des 26. April traf ein Tornado beim Great Plains Tornado Outbreak auch Wichita - allem voran den Osten der Stadt, wo auch Coal damals lebte. Glücklicherweise zog der Tornado knapp östlich an ihm vorbei, dennoch wurde seine Gegend stark beschädigt und auch er hatte mit Schäden, vor allem an der Fassade und den Scheiben seines Wohnhauses zu tun. Obwohl Coal sonst nicht viel mit der Nachbarschaft zu tun hatte, war er damals Freiwilliger des Aufräumtrupps und war ebenso dabei behilflich, kleinere Schäden zu reparieren, was ihm ein gewisses Ansehen in der direkten Nachbarschaft verlieh - was er jedoch nicht besonders würdigte.
1991-1993 - Verkäufer bei Costco Wholesale Corporation
1993-1999 - Verkäufer bei Base Camp, Wichita
Fachgeschäft für Camping und Outdoorausrüstung
1999-2006 - Verkäufer bei REI, Wichita - Verkauf und Beratung
Fachgeschäft für Outdoorausrüstung und -zubehör
Coal wechselte im Jahr 1991 zu Costco, wo er erst zwei Jahre blieb und anschließend in ein privat geführtes Fachgeschäft für Camping-und Outdoorausrüstung namens Base Camp wechselte, weil ihn die große Menschenmenge bei Costco irgendwann doch stresste. Hier kam er auch das erste Mal mit dem Thema Outdoor in Berührung, was sein Interesse weckte. Der Gedanke daran, ohne viele Hilfsmittel sein Leben draußen verbringen zu können, reizte ihn sehr. Später wird er erfahren, dass viele Gestaltwandler diese Vorliebe mit ihm teilen, weil das Tier oft einen starken Freiheitsdrang hat und eine ausgeprägte Naturverbundenheit besitzt. Nur kurz darauf machte er seine ersten Erfahrungen mit dem Leben in der Natur und fand seine Passion darin. Fortan war Coal in jeder freien Minute Outdoor unterwegs. Er liebte es, draußen zu zelten und sich eigene Shelter zu bauen, in Bächen zu baden und hatte seine Freude daran, draußen zu kochen. Dieses Leben verschaffte ihm mehr Frieden, als er jemals erfahren hatte. Und es befriedigte auch seinen oft eingesperrten Kater, der nun ein paar Stunden Freiheit genießen durfte.
1994 hatte er das erste Mal eine Angel in der Hand. Kurz darauf machte er seine Fishing License. Coal gefiel vor allem das aktive Angeln auf schnelle, räuberische Fische, weil ihn die Jagd reizte. Wieder etwas, das er vor allem seinem Tier zu verdanken hatte. Sie wurden immer mehr eins und agierten immer mehr wie ein Organismus. Die gefühlsbedingten, unkontrollierten Teilverwandlungen traten nur noch selten auf.
1999 starb der Eigentümer von Base Camp und Coal musste sich nach der Schließung einen neuen Job suchen. Er wurde bei REI eingestellt und bekam seinen eigenen Bereich bei der Angelausrüstung, wo er das meiste Fachwissen mitbrachte.
Sein Alltag bestand aus der Arbeit und den Ausflügen in die Natur. Er baute oberflächliche Freundschaften auf, behielt aber immer eine gewisse Distanz zu den Personen, mit denen er zu tun hatte - besonders dann, wenn sie nur Menschen waren. Insgeheim sehnte sich Coal nach mehr. Ihm gefiel der Gedanke, eine richtige Verbindung mit jemandem einzugehen, doch jedes Mal, wenn er an dieser Schwelle stand, stellte er sich vor, wie sein Vater mit dem Gewehrlauf auf ihn zielte oder sein Kater die Krallen durch erschrockene Gesichter fahren ließ. Als Gestaltwandler in der Welt der Menschen einen Partner zu finden, schien unmöglich zu sein. Coal fing an, gleichermaßen nach Nähe zu suchen, als auch die Personen um sich herum abzustoßen. Das verursachte viele zwischenmenschliche Konflikte, die ihn am Ende zu einer einsamen und verbitterten Person machten. Um seine Einsamkeit zu überdecken und seine sensible Seite zu verstecken, behandelte er andere mitunter abweisend und gemein. Hinzu kamen seine "Phasen", die in den letzten Jahren immer schlimmer wurden. Es waren Depressionen, die Coal nie behandeln ließ und aus diesem Grund immer wieder kamen.
2002 stieg er in den Aktienhandel ein, ein weiteres Hobby, das er immer mehr verfolgte, umso mehr er daran verdiente. Hierdurch finanzierte er seinen Führerschein.
Tod von Abigail - 23.Mai 2004
Ein großer Einbruch in seinem Leben war der Tod von Abigail. Sie verstarb im Alter von 84 Jahren an einer schweren Herzinsuffizienz und hinterließ ein riesiges Loch in Coals Seele, der kurz darauf in eine schwere depressive Phase stürzte, aus der er mehrere Monate nicht rauskam, weil er auch hier keine Hilfe in Anspruch nahm. Es war ihm nicht möglich, an der Beerdigung teilzunehmen und ging erst danach an ihr Grab, um sich zu verabschieden, was er bis heute bereut. Es gibt sonst keine Fotos in seiner Wohnung, doch von Abigail hat er immer noch eines stehen. Es ist mittlerweile ein wenig ausgeblichen.
Identitätswechsel & Neues Leben
Jules - Ende 2005 bis Anfang 2006
Begegnungen mit anderen Wandlern waren für Coal auch über die letzten Jahre von äußerst seltener Natur gewesen. Für ihn gab es keine Gemeinschaft, die ihn in ihre Reihen aufgenommen hatte und die ihm zeigte, was es bedeutete, ein Wandler zu sein. Coal hatte gedacht, dass er nach all den Jahren ganz gut mit seinem Tier zurechtkam. Die Wahrheit war jedoch, dass er eigentlich keinen blassen Schimmer davon hatte, was es wirklich bedeutete, ein Wandler zu sein. Er tat das, was er tun musste, um nicht aufzufallen - was gleichfalls für ihn bedeutete, sich selbst viel weniger Raum zu lassen, als ihm lieb war. Den ersten richtigen Kontakt zu einem anderen Wandler hatte er erst im Jahr 2005, als er Jules begegnete. Coal erfuhr, dass er in der Lage war, andere Wandler als solche zu erkennen und war fasziniert von dem anderen Mann, der ihm plötzlich gegenüberstand und ihn anschaute, weil er ihn ebenso als Gestaltwandler erkannt hatte. Es war ein aufregendes, neues Gefühl. Da war jemand, der war wie er war.
Der Löwenwandler war beruflich für ein paar Monate in Wichita und freundete sich mit Coal in dieser Zeit an. Zum ersten Mal in seinem Leben konnte Coal offen mit einem anderen Wandler reden und nun auch die Fragen beantwortet bekommen, die ihn jahrelang beschäftigt hatten. Jules entpuppte sich als jemand mit einer Unmenge an Geduld, Einfühlungsvermögen und Verständnis und kam sogar mit der manchmal verbissenen und sarkastischen Art von Coal zurecht. So wurde Jules zu seinem Mentor. Und Freund.
Wenn es die Zeit erlaubte, fuhren sie gemeinsam in die Natur, um dort in ihrer Tiergestalt herumzustromern oder zu angeln. Von Jules lernte er, sehr viel besser auf die Bedürfnisse des Tieres einzugehen und diesem mehr Freiraum zu bieten. Und er riet ihm, sich allmählich von Wichita zu lösen. Nicht nur, weil ihn dort nicht mehr viel hielt, sondern auch, weil es an der Zeit war, sich eine neue Identität zuzulegen. Mittlerweile ging er auf die vierzig zu, sah aber fast zehn Jahre jünger aus. Gestaltwandler - auch das hatte er nicht gewusst - alterten anders und da Coal in den letzten Jahren vermehrt Zeit als Tier in der Wildnis verbracht hatte, war er kaum mehr gealtert.
Jules musste Anfang 2006 wieder zurück nach Kanada. Für Coal hatte es sich wie ein Verlust angefühlt. Der Löwe war ihm vertraut geworden und weckte Bedürfnisse, die er sonst immer verdrängt hatte, aus Angst davor, verletzt zu werden. Trotzdem musste er sein Leben weiterleben. Sie schworen sich, den Kontakt aufrechtzuerhalten und hielten Wort - wenn auch überwiegend in Form von regelmäßigen Briefen, die sie sich hin und her schickten.
Neue Identität - ab Mai 2006
Ein Wandler zu sein bedeutete, sich regelmäßig neu erfinden zu müssen. Das hieß nicht nur, in gewissen Abständen umzuziehen, sondern auch den Namen zu ändern. Für Coal war es an der Zeit, sich zu lösen.
Da er durch den Aktienhandel eine gute Grundlage geschaffen hatte, konnte er sich eine neue Identität mitsamt dazugehöriger Papiere leisten. Auch diesen Kontakt hatte er damals von Jules vermittelt bekommen. Nach wenigen Wochen hieß Constantin Anthony Ellis Constantin Reynolds. Nur zu gern hat er sich von seinem Zweitnamen verabschiedet, schließlich war dieser auch der Name seines Vaters gewesen.
Umzug nach Boulder, Colorado - 25. September 2006
Neue Arbeit im Boulder Visitor Information Center - Oktober 2006
Beziehung mit Joe - März 2007
Sein neuer Wohnsitz war Boulder in Colorado. Ihm gefiel der Ort. Er hatte wunderschöne Natur und Berge, die bis an den Stadtrand reichten. So viel Platz für sich und sein Tier. Genau das Richtige, um ein neues Leben zu beginnen. Hier dauerte es kein halbes Jahr, bis er einem anderen Wandler über den Weg lief. Juliette war ein quirliges Gleithörnchen und adoptierte den eher ruhigen, grummelig wirkenden Coal sofort. In ihrem Freundeskreis gab es auch einen jungen Mann namens Joe, mit dem er sich von Anfang an gut verstand und mit dem er sich ziemlich schnell nach ihrem Kennenlernen privat traf.
Lieber Jules.
Ich habe jemanden kennengelernt, der so unglaublich ist, dass ich nicht aufhören kann, an ihn zu denken. Und es macht mir eine scheiß Angst.
Damit fing die Geschichte um Joe wohl an. Ein ganz normaler menschlicher Mann. Gutaussehend, intelligent, charmant. Jemand, der einen ansah und auch wirklich sah und nicht nur durch einen hindurch schaute. Jemand, der wie ein Fels in der Brandung war. Coal hatte so etwas noch nie gefühlt und eben weil es so war, hatte er so eine wahnsinnige Angst. Die ganze Zeit hatte er andere von sich abgestoßen, weil sie nur Menschen waren, doch dieses Mal konnte er das einfach nicht.
Was, wenn ich ihn verletze? Was, wenn er herausfindet was ich bin?
Was, wenn er wieder alles in den Sand setzte?
Es gab viele Bedenken, doch das Gefühl der Liebe war stärker. Also ließ er es darauf ankommen.
Die Beziehung mit Joe war ein sicherer Hafen für Coal, der sonst immer sehr vorsichtig war und dazu neigte niemanden so richtig an sich heranzulassen. Der Umzug nach Boulder war plötzlich das Beste und Richtigste gewesen, das er hätte tun können. Er hatte einen ruhigen Job in der Tourist-Information, ein paar Freunde, eine Beziehung und neue Perspektiven. Joe war es zum Beispiel auch gewesen, der ihm das Segeln näherbrachte, weil dieser ein Mitglied im Segelclub am Lake Granby war. Sie hatten gemeinsame Hobbys gefunden und waren glücklich. Nach einem haben Jahr zogen sie zusammen, nach 14 Monaten verlobten sie sich und schworen sich, dass sie heiraten würden, sobald die gleichgeschlechtliche Ehe in Colorado legal werden würde. Es waren Jahre, in denen plötzlich alles gut lief. Doch eine Sache war noch immer unausgesprochen und noch immer ein Geheimnis, das alles ändern könnte: Die Tatsache, dass er kein Mensch war. Irgendwann würde es auffallen. Und dann? Coal fragte Juliette, ob Joe etwas davon wusste, doch sie verneinte nur und riet ihm, es lieber sein zu lassen.
»Und in ein paar Jahren? Wenn er langsam altert und ich noch immer so aussehe wie jetzt? Dann wird es auffallen und dann verliere ich ihn trotzdem.«
Es gab für Coal also nur eine Lösung: Er durfte sich nicht mehr verwandeln und musste seinen Kater in sich einsperren.
Für ein paar Wochen ging das gut. Es ging sogar zwei Monate gut, doch dann wurde Coal gereizt und ungehalten. Er fühlte sich beengt und bekam Panikattacken und das anhaltende Gefühl des Glücks löste sich allmählich auf. Joe verstand nicht, wieso sein Freund sich so plötzlich verändert hatte und wieso er mit einem Mal so giftig und ekelhaft war. Wie sollte er das auch verstehen können? In den kommenden Wochen stritten sie immer mehr und nun geschah es auch, dass das Tier aus Coal ausbrechen wollte.
Trennung von Joe - November 2009
Es ist passiert. Wir haben uns gestritten und ich habe die Kontrolle verloren. Er hat gesehen was ich bin und nun ist er weg.
Er ist einfach weg.
In einem kurzen Augenblick des Streits war es passiert, dass er die Kontrolle verlor. Seine Iriden änderten ihre Farbe, er zeigte seine spitzen Eckzähne und für einen Wimpernschlag wuchs ihm Fell und verschwand wieder - so als ob Wind über ein Getreidefeld strich. Es war nur ein Versehen und nichts, das er gewollt hätte. Es war das Tier, das seine Freiheit zurückhaben wollte.
Als er den verängstigten, ungläubigen Blick seines Freundes sah, wusste er, dass er ihn in genau diesem Moment verloren hatte.
»Joe… Lass es mich erklären…«
Doch Joe starrte ihn noch immer an und schien sich zu fragen, ob er sich das gerade eingebildet hatte oder nicht.
»Es gibt nicht nur euch, verstehst du?«
Coals Stimme war traurig, erschöpft und flehend. Er wollte nicht, dass Joe ihn verließ.
Joe wich zurück und wusste nicht, was er sagen sollte. Er stammelte irgendetwas, das Coal nicht verstand und drehte sich dann um.
»Du bist doch nicht normal!«, war das einzige, das er klar und deutlich sagte.
Ja, richtig: Er war nicht normal. Er war kein Mensch. Er war nicht liebenswürdig. Und vielleicht war er auch bloß nur ein Monster.
»Fuck nein, bin ich nicht! Ich war noch nie normal und werde es auch nicht sein!«
Coal fuhr davon und ließ seinen Kater los. Er blieb die Nacht fort und auch den nächsten Tag.
Als er zurückkam und die Tür zur Wohnung aufschloss, war Joe nicht mehr da. Er hatte ihm nicht einmal eine Nachricht hinterlassen. Nichts. Also wartete er tagein und tagaus auf ihn, bis er auch nach fünf Tagen kein Lebenszeichen von seinem Verlobten erhalten hatte. Irgendwann meldete sich Joes Schwester bei ihm und erzählte ihm, dass Joe keinen Kontakt mehr wollte. Zwei Wochen später holte er mit ein paar Freunden seine restlichen Sachen ab und ließ Coal alleine zurück. Für ihn war klar, dass es allein seine eigene Schuld war - und die seines Wesens. Er wollte kein Wandler sein, wenn es für ihn bedeutete, am Ende verlassen zu werden und nirgends akzeptiert zu werden. Die Trennung war das Schmerzhafteste, das Coal jemals erfahren hatte. Es war ein Schmerz, der ihn jeden Abend weinen ließ und ihm den Atem raubte. Es war ein Schmerz, der ihn rund um die Uhr grübeln und verzweifeln ließ und ihm alle Kraft nahm weitermachen zu wollen.
Eines Nachts fuhr er auf den See hinaus, ungefähr bis zur Mitte des Gewässers und machte den Motor aus. Es war eine dieser leisen, warmen Sommernächte, in denen der Mond silbrig vom Himmel schien und das zarte Licht der Sterne um sich herum verschluckte. Coal stand dort eine ganze Weile. Sein Kopf schwer, seine Gedanken träge und seine Gefühle abgetötet. In dem Moment, in dem er sich rücklings vom Boot ins Wasser fallen ließ und sich nicht dagegen wehrte, dass seine vollgesogene Kleidung ihn in die Tiefe zog, war es ihm egal, dass er sterben könnte. Der Gedanke hatte sogar etwas Friedliches. Zwei oder drei Meter unter der Wasseroberfläche hatte er die Augen aufgemacht und das Mondlicht durchschimmern sehen. Für ein paar Sekunden hatte er die Macht, eine Entscheidung zu treffen: Sterben oder Leben. Er hatte gespürt, dass sein Überlebensinstinkt seinem Hirn signalisierte, dass Gefahr herrschte, weil die Luft ausging. Sein Geist jedoch war müde und wollte sich der Tiefe hingeben. Während das Mondlicht immer mehr verschwand, kam es ihm tatsächlich so vor, als würde das Leben an ihm vorbeiziehen und er noch einmal all das sehen, was er erlebt hatte. Eine zerstörte Familie, Lügen, Verbannung, ein mühseliges, immerwährendes Wiederaufrichten und Kämpfen. Sorgen, Ängste, Traurigkeit. Und nun auch noch diese Trennung. Er hatte kein besonderes Leben gehabt und nie viel erreicht. Er war ein Niemand auf dieser Erde und wenn er jetzt auf den Grund des Sees sinken würde, würde es wohl eine ganze Weile nicht einmal auffallen.
Und so hatte er nicht enden wollen.
Eine Minute später zog er sich keuchend auf das Boot zurück, rollte sich auf den Rücken und fing bitterlich an zu weinen. Nicht nur weil er verlassen wurde, sondern weil er sich dafür entschieden hatte zu leben, obwohl ihm alles weh tat. Vielleicht war er in diesem Moment erleichtert gewesen. Vielleicht aber auch von sich selbst überrascht, weil etwas in ihm kämpfen wollte, obwohl er eigentlich keine Kraft mehr hatte.
Umzug nach Dawnskap Bay - 11. Mai 2010
Übernahme des leerstehenden Geschäfts - Juli 2010
Eröffnung von "The Trout - Fishing Shop" - Oktober 2010
Die dunkelsten Monate seines Lebens brachen mit dem Winter an. In dieser Zeit war sein Verstand so betäubt, dass er heute Schwierigkeiten damit hat, sich daran zu erinnern, was er in diesen Monaten getan hatte. Die Depressionen wurden durch den Verlust seiner Beziehung verstärkt und ließen Coal nahezu erstarren. Dass er es überhaupt geschafft hatte, auf Arbeit zu erscheinen und sein Leben irgendwie zu meistern, erstaunte wohl die meisten. Für Coal selbst hatte es keinen Unterschied gemacht, ob er etwas tat oder nicht tat. Ihm war alles egal geworden.
In einem ernsten Telefongespräch mit Jules riet der Löwe ihm, dass es besser wäre erneut umzuziehen und, dass er einen Ort kannte, der genug Tapetenwechsel versprach, dass es Coal gut tun würde.
Schon immer wollte Coal, der das Meer noch nie gesehen hatte, an die Küste fahren. Nun hatte er einen Grund und die Möglichkeit, genau das zu tun. Der Pazifik würde das sein, was seine geschundene Seele wieder heilen könnte. Er suchte sich also eine Wohnung und fand eine über einem leerstehenden Geschäft im Stadtteil Carnasee und zog im Mai nach Dawnskap Bay. Nicht ein einziges Mal schaute er zurück. Boulders Berge verschwanden im Rückspiegel und ließen ihn ziehen.
Das leerstehende Geschäft unter seiner Wohnung bot Coal eine völlig neue Möglichkeit - nämlich seinen eigenen Laden zu haben und nicht mehr nur Verkäufer und Berater in irgendwelchen Geschäften zu sein, die von anderen geführt wurden. Es brauchte eine Ablenkung in seinem Leben, um den Schmerz zu verdrängen. Es brauchte ein wenig Mut, etwas zu tun, das anders war als alles, was er sonst getan hatte. Also mietete er sich die Räumlichkeit und informierte sich ausführlich, um die bevorstehende Selbstständigkeit zu meistern. Dawnskap Bay hatte kein vernünftiges Angelfachgeschäft. Also beschloss er, eines zu eröffnen. Im Oktober desselben Jahres fand beinahe unbemerkt die Eröffnung statt und schon bald hatte er die ersten Stammkunden. Sein Einzug und das Eröffnen des Ladens verlief so sehr im Verborgenen, dass es den Anschein machte, als sei er einfach so aus dem Erdboden aufgeploppt. In den ersten Monaten bevorzugte Coal es, sehr zurückgezogen zu leben, weswegen er nur beruflich ein paar Bekanntschaften machte. Erst als Jules im Juli 2011 ebenfalls nach Dawnskap Bay zog und er durch ihn andere Wandler kennenlernte, vergrößerte sich sein Bekanntenkreis und damit auch sein Aktivitätsradius.
Katastrophe von Amberlee - 21.-22. Juni 2011
Als die Fête de la Musique stattfand, befand sich Coal alleine in seiner Wohnung, weil er keine Lust auf die Veranstaltung hatte und lieber für sich sein wollte. Der Knall der Explosion riss ihn aus dem Halbschlaf, betraf ihn jedoch nicht direkt. Nur ein paar Minuten später kam das Erdbeben, das Coal aufspringen ließ. Als er sich dann plötzlich verwandelte und nicht mehr zurückverwandeln konnte, war er für 24 Stunden Gefangener in seiner Wohnung, weil er sich nicht traute, in seiner Tiergestalt auf die Straße zu flüchten. Verwirrt und verängstigt harrte er aus, während draußen gefühlt die Welt untergegangen war. Erst am nächsten Tag war es ihm wieder möglich, sich in seine menschliche Form zu verwandeln. Seine erste Handlung war es, Jules zu erreichen, seine zweite hinauszugehen. Sein Geschäft und seine Wohnung waren unversehrt, doch im Stadtteil Amberlee gab es viel Zerstörung. Was genau passiert war, blieb für ihn Spekulation.
Kauf des Segelbootes "Chinook" - August 2011
In einem Inserat hatte Coal Ende Juli zufällig ein Segelboot, das zum Verkauf stand, entdeckt und fand den Gedanken gut, jetzt, da er am Pazifik wohnte, das alte Hobby wieder aufzunehmen, selbst wenn er damit schöne Erinnerungen an Joe verband. Das Segelboot lag im Hafen und war in einem hervorragenden Zustand. Es war eine fünfzehnjährige Amel Super Maramu mit voller Ausstattung, bereit zum sofortigen Ablegen für einen unschlagbaren Preis von 110.000 USD zu haben. Coal zögerte nicht lange und kaufte es sich von seinem angelegten Geld, das er ebenfalls durch den Aktienhandel angespart hatte.
Weitere Ereignisse
Zum Ende des Jahres gab es einige Ereignisse in der Stadt, die auch Coal beunruhigten. So hörte er nicht nur von den Angriffen der Hunter auf Seinesgleichen, sondern musste auch herausfinden, dass sein Freund Jules von einem Vampir angegriffen und schwer verletzt wurde. Aus irgendeinem Grund schien das beschauliche Dawnskap Bay ein heißes, nicht ganz ungefährliches Pflaster zu sein. Dennoch ließ er sich davon nicht abschrecken und blieb, schließlich war Dawnskap Bay ein Ort, an dem es mehr Gestaltwandler gab, als an jedem anderen Ort, an dem er gewesen war. Diese Stadt gab ihm das Gefühl, kein Ausgestoßener mehr zu sein und irgendwie dazuzugehören.
Heute
Trotz aller vergangenen Schwierigkeiten ist Coal heute ganz zufrieden mit seinem Leben. Er hat einen eigenen Laden, der gut läuft und ein Boot, mit dem er rausfahren kann, wenn ihm nach ein wenig Einsamkeit ist. Er hat eine gute Wohnung und genug Geld, um nicht mehr hungrig ins Bett zu müssen. Und er hat Bekanntschaften geschlossen, die sich zumindest teilweise zu echten Freundschaften entwickeln könnten.
Die Trennungsverarbeitung hat fast zwei Jahre gedauert. Noch immer denkt er viel an Joe, kann sich aber mittlerweile auch auf anderes konzentrieren. Er hat sich jedoch geschworen, sich nie wieder einem Menschen zu outen, aus Furcht wieder zurückgewiesen zu werden.
Im Jahr 2011 ist er übrigens auf den Bitcoin-Hype aufgesprungen und hat 200 USD in Bitcoins investiert. Er weiß es noch nicht, aber in ein paar Jahren wird er ein sehr wohlhabender Mann sein, weil er sich von den großen Einbrüchen in den nächsten Jahren nicht irritieren lassen wird. Was ihm jetzt noch fehlt? Vielleicht irgendwann wieder jemand, der dieselben Gefühle in ihm entfachen wird, wie Joe es damals getan hat. Dann vielleicht sogar mit einem Happy End.